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Interview mit der Psychoanalytikerin Sieglinde Eva Tömmel

Dr. phil. Dr. rer. pol. habil. Sieglinde Eva Tömmel ist Psychoanalytikerin und Soziologin mit eigener Praxis in München. Mit Leo Sucharewicz vom DEIN e.V. sprach sie über die Psychologie hinter den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen, über Attila Hildmann und was uns das alles über unsere Gesellschaf sagt.



DEIN: Für Einstein war die Dummheit der Menschen unendlicher als das Universum. Was würde er zu den aktuellen Corona Demonstrationen sagen?


SET: Das kann ich leider nicht wissen. Aber sicher ist die Dummheit eines der größten Hindernisse für ein friedliches Zusammenleben in der Welt.


DEIN: Einstein war Physiker, Sie sind Psychologin. Sprechen wir von kollektiver Dummheit, kollektiver Paranoia, einem kollektiven Wahrnehmungsproblem oder einem Cocktail daraus?


SET: Kollektive Dummheit gibt es eigentlich nicht. Aber sie kommt im Ergebnis zustande, wenn individuelle Ängste sich zu kollektiver Dummheit oder sogar kollektiver Panik summieren


DEIN: Sich summieren oder summiert werden?


SET: In zu vielen Fällen und auch heute manipulativ summiert werden. Ein „Wir gemeinsam…“ oder „Wir gemeinsam gegen…“, selbst für höchst unsinnige Zusammenschlüsse, wird gegenüber gefühlter Einsamkeit oder Ohnmacht vorgezogen. Ich empfehle im Übrigen Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse.


DEIN: Nehmen wir das Beispiel Attila Hildmann. Irgendwann begann er mit wilder Hetze gegen staatliche Corona Maßnahmen, rührte sie in absurde Geschichten von finsteren Mächten, präsentiert sie ekstatisch auf der Straße und in YouTube und wird von zehntausenden Anhängern gefeiert. Überschätzen wir die kognitiven Fähigkeiten der Menschen?


SET: Attila Hildmann wurde von den Gewalterfahrungen seiner Kindheit eingeholt. Die muss er psychodynamisch verarbeiten: Wenn seine Bekanntheit als Koch nicht ausreicht, sein frühes durch die ihm angetane Gewalt unendlich verletztes kindliches Selbstwertgefühl auszugleichen, muss er zu stärkeren Mitteln greifen.


DEIN: Zu Demonstrationen und wilder Hetze?


SET: In seinem Fall vermutlich ja. Mit seinen Demonstrationen und als Anführer gesellschaftlicher Wutentwicklungen projiziert er seine individuelle Wut auf vermeintlich objektive Bedrohungen. Die darf er bzw. muss er dann anscheinend legitim bekämpfen. So hat er sich zu einem kleinen YouTube- „Führer“ aufgeschwungen.


DEIN: Und folgt damit…


SET: …eventuell dem biografischen Muster historisch bekannter Diktatoren. Inklusive dem massenpsychologischen Muster seiner Anhänger oder sogenannter Follower.


DEIN: Gibt es eine Art von Prädisposition für Hass und eine besondere Empfänglichkeit für aufhetzende Informationen?


SET: Ja, in der Tat gibt es Kinder- und Jugenderfahrungen, auch kollektiver und gesellschaftlicher Genese, welche Menschen in eine zerstörerische und selbstzerstörerische Entwicklung treiben. Exzessiv autoritäre Erziehung kann bereits eine solche destruktive Erfahrung sein.


DEIN: Hildmann hetzt gegen liberale Politiker, Juden, liberale Demokraten und andere Bevölkerungsgruppen. Das wird in Talkshows eifrig diskutiert, aber eine zivilgesellschaftliche Reaktion der Bedrohten bleibt aus. Wie lautet die psychologische Erklärung für die fehlende Bereitschaft, sich zu wehren? Verdrängung? Lähmung?


SET: Verdrängung gehört, psychologisch gesprochen, zu den Abwehrfunktionen. Die Verdrängung von Angriffen auf die freie Gesellschaft, auf Juden, Liberale und Andersdenkende resultiert zusätzlich aus Angst: Angst aufzufallen, Angst, selbst angegriffen zu werden, schlimmstenfalls Angst, ermordet zu werden.


DEIN: Was den Hetzer immer weiter ermuntern kann und seine Mission beflügelt. Insoweit sind kollektive und individuelle Agonie gefährlich. Beide sind in der Konsequenz selbstmörderisch. Gibt es einen probaten Ausweg aus dem Nichtstun und Verdrängen?


SET: Der Zusammenschluss zu funktionsfähigen Gruppen hilft. Die individuelle Beobachtung von Talkshows, in denen die Risiken thematisiert und durchdekliniert werden, hilft nicht. Konstruktive Aktivitäten helfen. Ständige wechselseitige Bestätigungen, dass alles immer bedrohlicher wird, helfen nicht.


DEIN: „Wer schweigt stimmt zu“ darf man als bekannten Konsens annehmen. Bringt die Psychologin Verständnis für die Schweiger auf?


SET: Psychologen versuchen ja immer zu verstehen! Aber es stimmt schon. Lautes Schweigen wirkt zumindest als leise Zustimmung. Das Schweigen ist psychologisch verständlich, aber deshalb nicht richtig und politisch riskant.


DEIN: Und sozial? Setzen sich die Schweiger nicht einer begründeten Verachtung aus? Sie verharren in selbstgewählter Ohnmacht und Ohnmacht macht depressiv.


SET: Historisch gesehen sind es immer vergleichsweise Wenige, die im besten Sinne wehrhaft vorpreschen. Ob der Blick auf die Masse zu einem Gefühl der Verachtung führt, ist eine Frage von Temperament, Geduld und sozialer Kompetenz. Als Psychologin befürworte ich den Primat der sozialen Kompetenz.


DEIN: Werfen Sie bitte als Psychologin im Kontext von Hetze und Demokratie, schweigender Mehrheit und mahnenden Wenigen, Corona und Konsens einen Blick in die nahe Zukunft.


SET: Corona wirkt als Katalysator für fundamentale Problemstrukturen, die bereits vorher bestanden. Corona als Thema aufgeregter Demonstrationen wird mit dem Schwächer werden der Pandemie verschwinden. Die zugrunde liegenden Ursachen werden es nicht.


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