Bilder mit Vorbild

Einen neuen und erfolgreichen Ansatz im Kampf gegen den antisemitischen Megatrend geht die „Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung Trier.“ Interview mit Gründungsmitglied Lennard Schmidt.  

 

DEIN

Alle reden vom Antisemitismus, aber in Trier wird gezeigt, was man dagegen tun kann. Ihr hattet fulminanten Erfolg mit den „Kulturwochen gegen Antisemitismus“ im Juni. Jetzt liegt die Auswertung vor – und eine Dokumentation. Was war da los?

Lennard

Wir, die IIA, wollten was gegen Antisemitismus tun. Als Forscher wäre da wohl die natürlichste Sache zu forschen oder einen Aufsatz zu schreiben oder so. Aber gibt es davon nicht schon genug? Man kann mit dem Wissen über Antisemitismus ganze Bibliotheken füllen und viel klügere Köpfe als wir haben schon sehr kluge Sachen über Antisemitismus gesagt. Aber dieses Wissen scheint nur einer sehr kleinen Elite von linksliberalen Wissenschaftlern zugänglich zu sein. Und genützt hat es ja obendrein auch wohl nicht viel, denn Antisemitismus ist ja weiterhin in jedem Lebensbereich von Juden allgegenwärtig.

 

DEIN

Also habt Ihr was getan?

 

Lennard

Wir haben uns also gefragt: Warum kommt dieses Wissen nicht an? Lesen die Leute zu wenig? Interessiert es sie nicht? Das glauben wir ehrlich gesagt nicht wirklich. Es gibt ja viele Menschen, die sich für Antisemitismus oder Themen, die damit zusammenhängen, interessieren – jedenfalls auf einer basalen Ebene. Eine These, die wir dann aufgestellt haben, war, dass die Antisemitismusforschung zu weit entrückt ist vom Alltag vieler Menschen. Das ist ja auch ein Problem der Wissenschaft im Allgemeinen.

 

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Zutreffend erkannt. Wie ging es weiter?

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v.l.n.r. Lennard Schmidt (IIA), Salome Richter (IIA) und Rapper Ben Salomo.

Lennard

Unser Ansatz war dann: Wir möchten uns einen Punkt aus der Lebenswelt, aus dem Alltag der Menschen herausgreifen, der mit vielen Emotionen aufgeladen ist und an diesem Ding, mit dem die Menschen so viel verbinden, an dem wollten wir exemplarisch aufzeigen, wo Antisemitismus die Menschen berühren kann. Und das war eben Kunst. Mit Kunst verbindet jeder etwas, auch die, die sich für Kunst gar nicht interessieren. Leute haben Angst vor Kunst, empfinden Leidenschaft, Amüsement, Hass, Freude Trauer, eben die ganze Palette, die der menschliche Geist zu bieten hat. Und sobald sie etwas empfinden, öffnet sich auch ein Raum für Diskussionen. Und da wollten wir die Leute dann packen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Die Kunst, was ist das eigentlich? Die war ja schon immer ein zweischneidiges Schwert. Es gab schon immer antisemitische Künstler, die ihren Antisemitismus wortwörtlich bebildert haben.

 

DEIN

Das ist die eine Seite. Und die zweite? 

 

Lennard

Kunst war auch schon immer etwas widerständiges. Damit konnten Entrechtete gegen ihre Unterdrücker anschreiben, anmalen oder anmusizieren. Wir wollten also von den Leuten und von den Künstlern wissen: Was ist die Kunst? Antisemitisches Instrument? Widerstand? Oder beides? Und gleichzeitig wollten wir jüdischen Künstlern und Künstlerinnen die Möglichkeit geben, den Leuten zu zeigen, wie sie aus Kunst einen Einspruch gegen das Bestehende machen. Wir wollten jüdischen Widerstand abbilden. Juden als Künstler, Juden als Widerständler.

 

DEIN

Kann man die Reaktion des Publikums auf eine Formel bringen?

Lennard

In jedem Falle überwältigend. Auch und insbesondere, weil es eine ganze Bandbreite von Emotionen abgedeckt hat. Die Emotionen waren quasi so vielfältig wie die Veranstaltungen, die wir angeboten haben. Wir hatten Konzerte, Vorträge, Theaterstücke, Lesungen und noch vieles mehr. Ich will mal ein paar Beispiele machen: Manche waren erstaunt als jüdische Künstler frei von der Leber weg erklärt haben, in wie vielen Lebensbereichen sie von Antisemitismus betroffen waren. Die wollten das erst gar nicht glauben. Andere waren regelrecht sauer. Wir haben da einen Film geschaut, Mazel Tov Cocktail, da bricht ein junger Jude einem Antisemiten die Nase. Und während des Films kriegt er immer wieder erzählt: Sowas macht man nicht. Man muss auf Frieden und Ausgleich bedacht sein undsoweiter. Er macht sich dann tatsächlich auf, um sich zu entschuldigen, aber der Antisemit lässt nicht locker. Und dann rastet Dima, das ist der jüdische Junge, aus und tritt ihm ins Gesicht. Da waren die Leute wirklich schockiert, manche sogar wütend. Das widerspricht allen Hollywoodnarrativen. Wir haben auch Leni Riefenstahl geschaut. Vorher waren sich alle einig: Alte Nazikamellen, das lockt niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Aber viele mussten zugeben: Das ist schon ästhetisch, was die Riefenstahl da auf die Leinwand bringt. Das hat manche schon sehr erschüttert, würde ich sagen und deren Selbstbewusstsein ins Wanken gebracht. Aber das war ja gut. Diese ganzen Emotionen waren ein Türöffner, um ins Gespräch zu kommen über Antisemitismus.

DEIN

Gab es besonders markante Reaktionen

Lennard

Am bezeichnendsten war für mich, dass manche unser Theaterstück „Trauer to go“, das ist ein Stück von Adriana Altaras, das meine Kollegin Luisa Gärtner inszeniert hat, einen „Schlag in die Magengrube“ genannt haben. Die sind da reingegangen, um allzu wohlfeil über Nazis zu lachen. Aber an vielen Stellen wurde sich dann über sie lustig gemacht. Über die guten, braven Bürger, die mit ihrem Moralkitsch alles zukleistern und als Kritik nicht mehr Zustandebringen als: „Nazis sind eben doof“. Und das hat was in denen bewegt. Da kamen Leute und haben gesagt: Oh Mann, so habe ich das alles noch nie betrachtet. Die waren am Boden zerstört. Aber das ist ja gut. Sowas löst Reflexionsprozesse aus.

DEIN

Die Kulturwochen gegen Antisemitismus habt Ihr in einer Broschüre zusammengefasst. Kann man sie bestellen?

Lennard

Unser Anspruch ist, alle Veranstaltungen und Projekte, die wir verwirklichen, irgendwie festzuhalten und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Ihr könnt zum Beispiel sehr viele Vorträge auf unserem YouTube-Channel einsehen. Aber zurück zur Broschüre: Die könnt ihr entweder kostenlos auf unserer Internetseite runterladen
(https://www.uni-trier.de/universitaet/fachbereiche-
faecher/fachbereich-iii/faecher/geschichte/studium-und-
lehre/initiative-interdisziplinaere-antisemitismusforschung/aktuelles
)
oder bei uns als Printausgabe bestellen. Dafür könnt ihr einfach eine Email an uns schicken (iia@uni-trier.de) und uns eure Adresse und die gewünschte Anzahl mitteilen. Eine Gebühr wird dafür nicht fällig, ihr müsstet nur das Porto übernehmen. 

 

DEIN

Veranstaltet wurden die Kulturwochen gegen Antisemitismus von der „iia“. Was und wer steht hinter dem Akronym?

Lennard

IIA steht für Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung. Wir sind ein Team von jungen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen an der Universität Trier. Wir wollen Antisemitismus aber wie am Anfang schon erwähnt nicht einfach nur erforschen, also wenn erforschen heißt, dass wir die tausenste Abhandlung über das Thema schreiben, die dann in irgendeiner Bibliothek verstaubt. Wir glauben, dass der Antisemitismusforschung seit jeher ein praktisches Element innewohnt: Also wer forscht, der muss forschen, um Antisemitismus zu bekämpfen. 

 

DEIN

Die Idee, antisemitischen Trends mit einer kulturellen Initiative zu begegnen kann man ja nicht von einer gewissen Frivolität und Kühnheit freisprechen. Jetzt habt Ihr den Erfolg und mit dem Erfolg auch die Erfahrung. Steht Ihr beratend zur Verfügung, wenn weitere Initiativen vergleichbare Projekte planen?

Lennard

Auf jeden Fall! Das war uns ja ein zentrales Anliegen bei der ganzen Sache. Dass Leute sehen, dass da was bewegt werden kann und uns dann nachahmen. Ganz großartig wäre es, wenn es irgendwann zu einer festen Zeit im Jahr überall in Deutschland Kulturwochen gegen Antisemitismus gäbe. Wir helfen da auch gerne mit und stellen unser Know-How zur Verfügung. Schreibt uns am besten einfach eine Email und dann können wir uns darüber austauschen.

DEIN

Letzte Frage: Ihr seid ein Vorbild. Ist es Euch etwas peinlich, wenn das so öffentlich gemacht wird?

Lennard

Mit dem Problem habe ich schon mein Leben lang zu kämpfen. Nee, ernsthaft: Es freut uns, dass das Projekt ein Erfolg gewesen ist und wir hoffen, dass es Nachahmer findet. Wir haben die Kulturwochen übrigens zu Dritt organisiert: Meine Kolleginnen Dorothea Seiler, Luisa Gärtner und ich. Und an der Stelle möchte ich auch nochmal den vielen, vielen Helfern und Helferinnen und natürlich auch den Künstlerinnen und Künstlern danken: Danke, ihr wart großartig! Ansonsten: Otro Mundo es posible!, der Kampf geht weite